» University of Pennsylvania

Daniel, G.

"Im Studienjahr 2010/2011 war ich zu Gast an der University of Pennsylvania zur Anfertigung meiner Masterarbeit im Fachbereich Astrophysik, betreut von Prof. Gary Bernstein vor Ort und Dr. Stella Seitz an der Universitätssternwarte München.

Im Folgenden möchte ich gerne einige praktische Hinweise und Beobachtungen geben, die für ein Auslandsstudium in den USA und speziell in Philadelphia nützlich sein können.

Leben

Man könnte meinen, die USA als angelsächsisch-europäisch geprägtes Land böten kulturell kaum Überraschungen für einen Westeuropäer. Das gegenteilige Gefühl drängte sich mir häufig genug auf: so viele Dinge funktionieren grundlegend anders, dass der Aufenthalt in vieler Hinsicht ein Augenöffner dafür war, wie eingeschränkt ein deutsches so-macht-man-das wohl vielfach ist. Zugleich liegen viele Dinge in meinem Gastland jedoch auch im Argen: Armut und Perspektivlosigkeit, fehlende oder überteuert-ineffiziente Gesundheitsversorgung und Bildung, ungebremster Konsum auf Kredit und auf Rechnung der arbeitswilligen Einwanderer, ideologisierter politischer Diskurs bis tief in die Sackgassen, geringer gesellschaftlicher Zusammenhalt von der Familien- bis zur föderalen Ebene und teils stark eingeschränkter Verständnishorizont für Ungewohntes und Unbekanntes ließen mich oft an der dauerhaften Tragfähigkeit der Gesellschaft zweifeln und deutsche Lösungen als unerwartet gut erkennen.

Philadelphia

Philadelphia war mir im vergangenen Jahr ein uneingeschränkt positives Zuhause. Die Stadtteile sind bunt und lebendig, kulturell von der privaten Bar mit Live-Bluegrassmusik bis zum hervorragenden Kunstmuseum höchst ansprechend und meistenteils bewohnt von offenen, hilfsbereiten und angenehmen Menschen. Probleme mit Kriminalität und Armut werden erst offenbar, wenn man diese durch Universität und Wirtschaft gut entwickelten Teile der Stadt verlässt und sind dann teils durchaus noch schockierend. Als Student an UPenn kann man dem, soweit man das möchte, jedoch fast vollständig aus dem Weg gehen Insgesamt hat die Stadt, und besonders der Stadtteil im Westen der Universität, einen alternativen Flair mit verbreiteter Hipster-Kultur, Bauernmärkten und ähnlichem. Ethnisch ist sie wie für die USA typisch bunt gemischt, wobei mir am meisten wohl Chinatown, die arabisch geprägte Gegend westlich des Campus und die große spanisch-lateinamerikanische Gemeinschaft ins Auge fielen. Philadelphia ist nicht zuletzt auch deshalb zu empfehlen, weil die Stadt einen nahezu perfekten Ausgangspunkt für Endeckungsreisen zu verschiedenen Gesichtern des Landes darstellt: New York City, Washington, die Atlantikküste New Jerseys und das von Amish geprägte Hinterland sind nötigenfalls in einem Tagesausflug erreichbar, Boston, die Niagara-Fälle oder Montreal leicht über ein Wochenende (Stichwort: Megabus!).

Wohnen

 

Ich selbst wohnte in einem Haus in der 44. Straße, welches ich mir mit bis zu 5 weiteren Bewohnern teilte. Die über Craigslist angebotenen Wohnmöglichkeiten in University City oder Center City sind vielfältig und, verglichen mit anderen US-Großstädten, erschwinglich. Etwas teurer und deutlich lauter (wegen der partyaffinen undergraduates) wohnt man auf dem Campus. Das International House dort hat durchaus seine Liebhaber, ist jedoch nicht der beste Ort, um Einheimische kennenzulernen. Aus der Suche nach Wohnungen außerhalb des Campus kann ich jedem, der dort eine Bleibe finden will, nur dringlichst raten, dies persönlich zu tun. Manche Zimmer (und welche, das lässt sich ohne es selbst gesehen zu haben kaum sagen) sind in einem unerträglichen Zustand (Sauberkeit, Bettwanzen, fehlende Türen, von einer Straße auf die nächste extrem schlechter werdende Gegend etc.).

 

Universität und Forschung

 

Die University of Pennsylvania ist eine Universität mit hervorragender Ausstattung, exzellenten Wissenschaftlern mit nach meiner Erfahrung bestem Betreuungsverhältnis und, zumindest im alten Campus, durchaus einigem Flair. Soweit ich das einschätzen kann ist die dort stattfindende Forschung, zumindest in meinem Fachgebiet, an der vordersten Front der wissenschaftlichen Erkenntnis. Die Vernetzung ist zudem hervorragend, was sich in der großen Zahl von wissenschaftlichen Besuchern und der Mitwirkung an interinstitutionären Projekten und Veröffentlichungen zeigt. Das Arbeitsklima war stets sehr angenehm und es fiel leicht, Kontakt zu den Kollegen zu finden. Obwohl ich selbst keine Kurse gehört habe sondern ausschließlich mit wissenschaftlicher Arbeit beschäftigt war glaube ich aus der Beobachtung einschätzen zu können, dass dies nicht die schlechteste Option in meinem Fachgebiet war. Die Kurse im Bereich sind teilweise zwar spezifisch und mit Sicherheit sehr gut, teilweise aber auch wohl äquivalent zu solchen, die man in Deutschland typischerweise während eines Bachelorstudiums der Physik verpflichtend besucht. Den Nutzen aus einem kompletten Graduiertenstudium würde das für einen deutschen Masterabsolventen vermutlich in den ersten 1-2 Jahren stark einschränken. Gegen den Besuch von Kursen als Gaststudent sprechen sicherlich auch die sehr hohen Studiengebühren, die hier möglicherweise zu zahlen wären.

Gesundheitssystem

Da ich mich als Diabetiker in besonderem Maße mit dem US-Gesundheitssystem konfrontiert sah, möchte ich auch hier einige Beobachtungen und Hinweise mitteilen. Wer nicht als Student eingeschrieben ist (und damit die Universitäts-Gesundheitsdienste zunächst kostenlos nutzen kann) sondern mit einer deutschen Versicherung (die in meinem Fall alle weitergeleiteten Rechnungen später erstattet hat) zum Arzt will, hat zunächst einmal das Problem, überhaupt einen Termin zu bekommen. In meinem Fall war die Terminvereinbarung bei einem Diabetes-Spezialisten an der Universitätsklinik nur nach Vorauszahlung von 2500 Dollar und ca. 3 Wochen Vorlauf möglich.  Die Beratung durch den Arzt war zudem merklich dadurch eingeschränkt, dass für diesen verständlicherweise die Vermeidung möglicher Regressforderungen aufgrund von Kunstfehlern vor der bestmöglichen Behandlung des Patienten Priorität hatte. Einen Schritt zurückgetreten liegt der tiefere Grund für diese Tatsache wohl vor allem in der in den USA fehlenden allgemeinen Krankenversicherungspflicht. Sollten diese Beobachtungen vor einem Auslandsaufenthalt in den USA zurückschrecken? Sicherlich nicht: Ausbildung der Ärzte und Verfügbarkeit modernster Methoden in Diagnostik und Therapie sind stets gewährleistet, auch wenn man sich mit dem Organisationsapparat eventuell etwas mehr als erhofft herumschlagen muss.

Menschen

 

Ein gängiges Vorurteil gegenüber US-Amerikanern ist die Annahme, dass diese kaum mehr als oberflächlich kennenzulernen seien. So pauschal gesprochen ist dies natürlich verkehrt und ich habe im Laufe des letzten Jahres mehrere gute Freunde finden können. Tatsächlich ist die große Freundlichkeit, Offenheit und Hilfsbereitschaft auch oder gerade Fremden gegenüber eine allgegenwärtige Beobachtung, die ich als uneingeschränkt positiv empfand. Ob es gelingt, auf eine persönlichere Ebene vorzudringen, ist wie überall von Person zu Person verschieden, vermutlich aber doch schwieriger als ich es in Deutschland gewohnt war.

 

Fazit

 

Das vergangene Jahr war in der Vielfalt der Erlebnisse, der Qualität und Quantität der wissenschaftlichen Weiterentwicklung und der allgemeinen Erkenntnis über gesellschaftliche Strukturen und Fiktionen ein für mich unvergleichbar reiches. Insbesondere einen Aufenthalt in den USA zur Anfertigung einer Abschlussarbeit und insbesondere einen Aufenthalt von mehr als sechs Monaten Dauer kann ich uneingeschränkt jedem Studenten empfehlen. Für die Unterstützung meines Auslandsjahres durch den DAAD möchte ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bedanken und gleichzeitig meine Hoffnung äußern, dass mit vergleichbaren Stipendienprogrammen weiterhin vielen Studenten und Wissenschaftlern die Möglichkeit gegeben werden kann, ähnliche Erfahrungen im Ausland zu sammeln."


Beim Interesse an Astrophysik könnten Sie den ganzen Bericht, der auch einen ausführlichen fachlichen Teil enthält, hier lesen.